Stress und Resilienz
Einsatz in der CoreDynamik
Ausbildungsmodul 3.2: Praxis I – Umgang mit Klientinnen und Teilnehmern, die akut unter Stress stehen oder mit diesem Thema in die Beratung kommen.
Definition
Stress ist eine natürliche, gesunde und sehr individuelle Reaktion des Organismus auf eine unerwartete, unerwünschte oder bedrohliche Situation. Die Stressreaktion reguliert unsere Energie im Zusammenhang mit unserer körperliche, emotionale und gedankliche Verfassung.
Erläuterung
Stress ist natürlich. Unser Organismus ist so angelegt, dass wir durch die Aktivitätslevel hindurchpulsieren können.
Wir können Stress aus der Perspektive der Kontakterregungskurve anschauen. Angenehm fühlt sich ein Kontakt für uns an, wenn wir aus einem Zustand offener Ruhe heraus einem Impuls folgend in die Aktivität gehen können, um den Kontakt zu vollziehen. Ich empfinde Hunger, erinnere mich an die Nüsse in der Küche, entscheide mich dafür, mein Organismus mobilisiert die Energie für den Gang durch den Flur. Ich öffne die Dose mit den Nüssen, greife eine Handvoll und verleibe sie mir kauenderweise ein. Während ich an meinen Platz zurückkehre genieße ich den Nachgeschmack und mein Hungergefühl lässt bereits nach.

Bild mit KI erstellt nach eigener Vorlage.
Das war kein Stress. Selbst wenn es nicht um eine Handvoll Nüsse gegangen wäre, sondern um einen Lauf durch den Wald mit meinem Hund, bei dem mein Herz deutlich schneller geschlagen hätte, als bei dem Gang durch den Flur, wäre es kein Stress gewesen, solange ich mir den Lauf zugetraut und ihn positiv bewertet hätte.
Die Lage verändert sich, wenn mir mein Körper signalisiert, dass ich den Lauf nicht schaffe, weil ich vielleicht mitten im Wald plötzlich und stark bekomme und keine Nüsse dabei habe. Wenn zu meinen sinkenden Energiereserven auch noch ein Selbstkonzept hinzukommt, dass mein Blutzuckerspiegel mir wenig Spielraum lässt (KANN NICHT!), dann bricht mir schon bei dem Gedanken daran Schweiß aus und die Knie werden zittrig. Ich kämpfe dann auf dem letzten Kilometer oder laufe vor meiner Angst möglicherweise zu kollabieren davon.

Das ist eine Situation, die man in der Regel überlebt und in der keine Bedrohung von Außen besteht. Dennoch erlebe ich mich, da ich die Situation als überfordernd empfinde, im Kriesenmodus.
Auf körperlicher Ebene nennen wir diese von unserem Sympathikus gesteuerte Aktivierung
„Kampf- und Fluchtmodus“. Dabei handelt es sich um eine Überlebensreaktion, die unser Gehirn blitzschnell und ohne eine bewusste Entscheidung auslöst, um die notwendige Energie für einen Kampf oder eine Fluchtreaktion bereitzustellen. Ich will eine Straße überqueren und sehe im letzten Moment das herannahende Auto. Der Sprung zurück zwischen die parkenden Wagen ist schon geschehen, noch ehe ich die Situation bewusst bewertet habe. Eine kleine, lebensrettende Flucht. Bleiben wir im Straßenverkehr. Ich gehe hinter einem parkenden Auto vorbei. Plötzlich gehen der Motor und die weißen Lichter für den Rückwärtsgang an. Meine Hand landet mit einem lauten „Patsch“ auf der Scheibe des Kofferraums, um anzuzeigen „Hey, hier ist jemand!“ Eine instinktive Geste der Selbstverteidigung, des Kampfes.
Die dritte Variante ist das Erstarren, für den Fall, dass weder kämpfen noch fliehen möglich sind. Angenommen ich sitze IN dem Auto und setze zurück und höre lauten Protest und undefinierbare Geräusche. Dann kann es sein, dass mir für einen Moment das Herz stehen bleibt und ich mit großen Augen in’s Nichts starre.

Möglicherweise nur zwei Sekunden lang, die sich aber sehr ausgedehnt anfühlen können, wenn ich den Eindruck habe, möglicherweise jemanden verletzt zu haben. Weder kämpfen noch fliehen möglich – wobei Fahrerflucht genau so ein Phänomen ist. Wenn ich dann zu mir komme und schnell aussteige und dann sehe, dass ich meine Tasche auf dem Autodach hatte stehen lassen, die heruntergepoltert ist, während jemand versuchte, mich darauf aufmerksam zu machen, dann kann ich den Schreck verdauen. Vielleicht muss ich mich dafür einmal schütteln, um die mobilisierte Erregung abzubauen, aber dann werden sich mein Herzschlag, meine Atmung und meine Gesichtsfarbe recht bald wieder normalisiert haben.
Auch diese Variante ist eine Überlebensreaktion meines Organismus, die im Tierreich dem Totstellen oder der Tarnung entspricht.
Diese Beispiele von situativem Stress erzählen jeweils von einem abgegrenztem Ereignis, das eine Kontakterregungskurve auslöst. Energie wird mobilisiert, um mit der Situation umzugehen und wenn diese vorüber ist, kann das autonome Nervensystem sich wieder in einen ruhigeren Zustand regulieren.
Stress, Regulation, Resilienz
Ein resilienter Organismus kann auf Anforderungen reagieren, Ressourcen mobilisieren und seine Regulation anschließend wieder verändern. Sich also auf eine neue Situation einstellen und erholen.
Resilienz ist dabei keine rein körperliche Fähigkeit. Sie umfasst auch psychologische und soziale Aspekte. Unsere Fähigkeit uns selbst zu spüren und sinnvoll zu regulieren, unsere allgemeine Gesundheit, unser Gefühl von Eingebettet sein in unserem sozialen Netz, im Beruf, in unserer Kultur und der gesamten Ökologie. All das versetzt uns in die Lage, dass wir uns Belastungen gewachsen fühlen, sie meistern und uns anschließend davon erholen.
Schauen wir uns das Prinzip der Regulation noch einmal genauer an, um dann die Auswirkungen von chronischem Stress zu betrachten.
Regulation
Unser Organismus ist fortlaufend damit beschäftigt, sich an wechselnde Anforderungen anzupassen. Für die Aktivitätslevel nutzen wir die Erzählweise von Parasympathikus und Sympathikus und von den verschiedenen Zuständen, die wir in einer Kontakterregungskurve durchlaufen können. Gesteuert werden beide im Rahmen des Autonomen Nervensystems vom Stammhirn (Reptiliengehirn) aus. Dessen Tätigkeit wird aktiviert durch Einschätzungen des limbischen Systems und des Neokortex. Die Metapher der drei Gehirnareale bezeichnet man nach Paul D. Mc Lean als das „Dreieinige Gehirn“ und sie ist seit den 70er Jahren grundlegend für unser Menschenbild.
Diese Erzählweise, wie auch die Polyvagaltheorie (dorsaler und ventraler Vagus) ist wissenschaftlich umstritten. Manche Forschende, wie z.B. Lisa Feldman Barrett konstatieren, sie sei widerlegt. Unumstritten ist jedoch, dass beide Darstellungen sich hervorragend eignen, um menschliches Denken, Fühlen und Verhalten zu erklären und auch um hilfreiche und erprobte Wege aufzuzeigen, um Einfluss darauf zu nehmen. Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Verbundenheit sind drei solcher Wege, die sich z.B. aus der Polyvagaltheorie ableiten lassen und die auch Kritiker der Theorie vertreten. Daher empfinde ich es nach wie vor als sinnvoll, sie zu vermitteln.
Es ist jedoch auch sinnvoll, hinter diese Erzählweisen zu treten und eine noch grundlegendere Beschreibung der Abläufe in unserem Organismus zu betrachten, die letztlich einfacher ist. Im Zentrum steht hier das Prinzip der Allostase. Lisa Feldman Barrett, Professorin für Psychologie und Forscherin zu den Themen Affekt und Gefühlen, übersetzt Allostase mit dem Bild der „Haushaltsbuchführung“. Ihr zufolge ist diese Haushaltsbuchführung etwas, was wir Menschen alle gemeinsam haben. Im Gegensatz z.b. zum Gefühlsausdruck, der individuell und kulturell variieren kann. Sie führt dafür das Beispiel an, dass es in Bali den sogenannten „Schreckensschlaf“ gibt. Menschen, die sich stark erschrecken, schlafen ein. Das wäre in unserer Kultur eine große Ausnahme (s. Siebeneinhalb, S. 184)
Die organismische Haushaltsbuchführung findet im Gehirn statt und sie sorgt dafür, dass unser Körperbudget im Plus ist. Das Körperbudget umfasst alle unsere Ressourcen, die unser Überleben sichern. Dazu zählen z.B. Glucose, Schlaf und Hormone genauso wie Bewegung und Pausen oder ein Gefühl von Verbundenheit.
Damit das Gehirn den Organismus regulieren kann, braucht es Informationen über den inneren Zustand des Körpers. Diese Verarbeitung körperinnerer Signale wird als Interozeption bezeichnet. „Intero“ bedeutet im lateinischen „innerlich“ und „-zeption“ steht für „Wahrnehmung“.
Dabei geht es nicht nur um das bewusste Wahrnehmen von Herzschlag, Atmung, Hunger oder Anspannung. Das sind Regungen, die wir mit etwas Übung durchaus bewusst wahrnehmen können. Menschen, die sich nur schwer spüren können, nehmen auch solche Körpersignale unter Umständen nicht wahr. Aber auch für diejenigen von uns, die sich gut spüren können, findet der weitaus größte Teil interozeptiver Verarbeitung unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle statt.
Das Gehirn erhält fortlaufend Informationen aus dem Körper und bildet daraus ein Modell seines aktuellen Zustands. Auf der Grundlage vergangener Erfahrungen und der gegenwärtigen Situation bildet es gleichzeitig Vorhersagen, was vermutlich als Nächstes geschehen wird.
Es entsteht ein kontinuierlicher Regelkreis:
Körperinformationen → Verarbeitung des Körperzustands → Vorhersage, was als nächstes gebraucht wird → Regulation → veränderter Körperzustand → neue Informationen → Verarbeitung → Vorhersage
Allostase (Haushaltsbuchführung) und Interozeption gehören damit eng zusammen: Interozeption liefert Informationen über den Körper; allostatische Regulation nutzt diese Informationen, um körperliche Bedürfnisse zu regulieren.
Dabei wartet das Gehirn nicht erst, bis im Körper ein Mangel oder Ungleichgewicht entstanden ist. Es trifft Vorhersagen darüber, was der Körper in der nächsten Situation benötigen wird, und bereitet ihn darauf vor. Wie sieht das praktisch aus? Wenn wir beispielsweise zwischen den Autos stehen und uns in Bewegung setzen, um die Straße zu überqueren, wartet unsere Biologie nicht erst, bis den Muskeln durch die beschleunigte Bewegung Sauerstoff fehlt. Herzschlag, Kreislauf, Atmung und Energiebereitstellung werden bereits im Vorwege an die erwartete Bewegung angepasst.
Mit Regulation meinen wir also nicht, den Organismus möglichst ruhig und alle Körperwerte möglichst konstant zu halten. Regulation bedeutet Anpassungsfähigkeit. Je nachdem, was wir gerade und oder was wir als Nächstes erwarten, braucht unser Körper unterschiedliche Zustände.
Wie schätzt unsere Haushaltsbuchführung ein, welchen Zustand wir gleich brauchen werden? Es verarbeitet die Informationen aus dem Inneren (Interozeption) und die Informationen von Außen (Exterozeption) und greift auf unsere Erfahrungen zu, um die Situation zu bewerten.
Innerer Zustand + Situation im Außen + Erfahrung => Bewertung unserer Situation
Nutzen wir nochmal den Beispiel des starken Hungergefühls. Wenn ich so einen Hungerast mit starkem Herzklopfen schon einige Male erlebt hatte, begleitet von dem Gefühl, kurz vor einer Ohnmacht zu stehen (Erfahrung), dann bewertet mein Gehirn die ersten Anzeichen dieser Aktivierung als unangenehm, zumal wenn ich mich zu Fuß mitten im Wald befinde (äußere Situation). Sitze ich hingegen bereits am Tisch meines Lieblingsrestaurants und habe ein leckeres Gericht bestellt, wird das Gehirn die gleiche Aktivierung anders bewerten, nämlich als angenehm, weil ich weiß, dass ich gleich all das leckere Essen werde verspeisen können. Kommt dann jedoch der Kellner zum Tisch und sagt mir, dass es noch etwas dauern wird, weil (…), wird meine Stimmung wesentlich stärker kippen, als ohne das starke Hungergefühl.

Aus: Feldman Barrett, Siebeneinhalb, S. 126 (mit KI grafisch überarbeitet)
Hier wird der Einfluss unserer Erfahrungen und Konzepte auf unsere Selbstwahrnehmung deutlich. Schon in der Bewertung des Zustands unseres Körperbudgets greift unsere Haushaltsbuchführung auf beides zurück und bewertet ein Herzklopfen entsprechend als unangenehm oder angenehm.
Dann unsere Erfahrungen und Konzepte ein zweites Mal. Die Körperbuchhaltung meldet uns erstmal eine vage Stimmung (Affekt), z.B. aktiviert und unangenehm. Jetzt interpretieren wir dieser Stimmung aber erneut auf der Basis unserer Erfahrungen und Konzepte und unser Gehirn macht das Gefühl „Angst“ (Hungerast und ohne Nüsse im Wald) oder „Ungeduld“ im Restaurant länger warten müssen. Diese Klassifizierung löst eine weitere Regulation aus. Allein im Wald kann das Angstgefühl mein Körperbudget weiter belasten und die Symptome verstärken.
Mit etwas Übung kann ich jedoch in den kleinen Spalt zwischen Stimmung und Interpretation treten und feststellen: Mein Gehirn schätzt die Situation grade als aufregend und unangenehm ein. Aha. Soso. Wie kann ich hier für mich sorgen? An dieser Stelle greifen unsere Erfahrungen und Konzepte erneut, nämlich in unserer bewussten Einschätzung der Situation und unserer empfundenen Selbstwirksamkeit, die Situation zu gestalten. Ich kann mir im Wald in Erinnerung rufen, dass ich schon manches Mal dachte, ich falle gleich in Ohnmacht, dass es dann aber nie passiert ist. Ich führe mir vor Augen, dass ich immernoch mein Telefon benutzen könnte, falls es wirklich noch schlimmer werden sollte. Selbst wenn ich ohnmächtig auf den Weg sinken würde, kämen in absehbarer Zeit andere Menschen dort vorbei und könnten mir helfen. Und dann traue ich mir zu, den einen Kilometer noch zu schaffen, ich atme ruhig, gehe Schritt für Schritt und stelle mir schonmal vor, wie ich zu Hause zu den Nüssen greife. Diese Strategien habe ich gelernt und ich kann jetzt darauf zurück greifen: Bewusstes Atmen und den Fokus auf das Hilfreiche lenken.
Wenn ich dann zu Hause ankomme und endlich meine Nüsse habe, kann ich den Ausgang der Situation nochmal reflektieren. Möglicherweise wurde ich auf dem letzten Kilometer durch eine Begegnung abgelenkt und stellte danach fest, dass die Hungerreaktion sich beruhigt hatte. So oder so habe ich es ja nach Hause geschafft und kann mein Bedürfnis jetzt stillen. Wenn ich den Kontaktbogen mit diesen Gedanken bewusst schließe, lege ich eine weitere Erfahrung in meinem Gehirn ab: Mein Körper kann mit diesen plötzlichen Hungergefühlen umgehen. Es ist nur unangenehm, nicht bedrohlich. So kann wird meine unbewusste Haushaltsbuchführung eine solche Situation in Zukunft schon mit weniger Aktivierung und weniger unangenehmer Bewertung einschätzen und meinen Puls weniger stark in die Höhe treiben.
Regulation geschieht also konstant und vorausschauend unterhalb unser Bewusstseinsschwelle. Sie dient dazu, unseren Energiehaushalt vorausschauend zu managen meldet unserem Bewusstsein nur diffuse Stimmungen. Wir können zu unserem Körperbudget bewusst beitragen, indem wir Stimmungen hilfreich deuten. Indem wir Ressourcen kennen, die unsere Regulation positiv unterstützen. Indem wir Kontaktbögen bewusst schließen und sinnvoll deuten. Und wir können im Vorhinein schon einzahlen. Zum Beispiel durch eine Ernährung, die Hungerast vorbeugt.
Damit unterstützen wir unsere Resilienz, also unsere Fähigkeit, trotz Belastungen, Krisen oder Rückschlägen psychisch und körperlich stabil zu bleiben und uns davon wieder zu erholen. (Schwegler, Kurzzeit, S. 86)
Christian Schwegler, Psychiater, Psychotherapeut und Gründer des Schweizer Instituts für Medizinische Hypnose, vergleicht unsere Resilienz mit einem Fass. Es ist unser Fassungsvermögen für Belastungen.

Die Idee für das Bild des Fasses stammt aus dem Buch (Kurzzeittherapie) von Christian Schwegler. Ich habe es inhaltlich und mit Hilfe von KI auch grafisch ein wenig abgewandelt.
In dem Fass befindet sich ein Bodensatz genetischer Veranlagungen und alter Schlick von Belastungen aus der Kindheit und Jugend und Trauma. Dazu kommen aktuelle Themen und Probleme der unterschiedlichsten Art. Durch unsere Selbstregulation können wir den Wasserstand immer wieder senken. Hier können auch Coaching und Supervision helfen, wo wir innere Prozesse ausspeichern und sortieren können, um uns dann klarer auszurichten und mit Ressourcen dafür auszustatten. Therapie und Selbsterfahrung können alte Themen aufarbeiten, aktualisieren und hilfreicher integrieren und damit den Bodensatz in dem Fass verringern.
Chronischer Stress
Wird das Fass durch chronischen Stress voller und voller, ohne Entlastung zu erfahren, dann genügt irgendwann eine scheinbare Beiläufigkeit und es läuft über. Es entstehen Körperliche und Psychische Erkrankungen. Nicht selten eine komplexe Symptomatik mehrerer Beschwerden.
Sowohl Schwegler, also auch Feldman Barrett berichten von Erkenntnissen, wonach die Regulationsversuche des Körpers bei chronischem Stress schließlich zu Entzündungen im Gehirn führen. Die „Truppen“, die unser Immunsystem mobilisert hat, um Krankheiten abzuwehren und unsere Wahrnehmung von Schmerz zu lindern, fallen dem Körper irgendwann zur Last. Die heilsam gemeinten Entzündungsreize gehen auf das Gehirn über und sorgen dafür, das unsere Körperbuchführung dauerhaft einen negativen Zustand anzeigt. Unsere Stimmung rutscht in eine dauerhafte Anzeige von „unangenehm“, sei es nun aktiviert oder inaktiv. Das Gehirn interpretiert dieses negativen Modus zunehmend als Bedrohlich und erzeugt auf Basis seiner Erfahrungen die entsprechenden Gefühle, sei es nun Angst, Ärger oder Hilflosigkeit. Es ist ein grundlegender zustand von „Nicht okay“, der auch unser Selbstbild negativ färbt und ein anhaltendes diffuses Krankheitsgefühl erzeugt. Ein Teufelskreis setzt sich in Gang. Wir fühlen uns zu schwach für Sport, trösten uns mit Essen und haben keine Lust auf soziale Kontakte. Übrigens beschreibt Schwegler diesen Zustand als gleichzeitige Aktivierung des sympathischen Nervensystems, sowie des Immunsystems bei gleichzeitiger Hemmung des Immunsystems.
Ein ähnliche Gleichzeitigkeit von „Gas“ und „Bremse“ nutzen wir bei den Aktivitätsleveln auf der Basis der Polyvagaltheorie für den Zustand des „Funktionsmodus“. So finden Menschen immer wieder unterschiedliche Wege, um sich und uns die Welt und die Komplexität eines menschlichen Organismus zu erklären. Zwei Erklärungswege können ohne weiteres nebeineinander stehen bleiben. Wir können jedoch das Modell der Affekte und Stimmungen mit den Aktivitätsleveln kombinieren.

(Bild mit KI erstellt nach eigenen Vorgaben. Aquarellsphäre selbst gemalt ).
In beiden Modellen führt chronischer Stress in den hellblauen Bereich. Wenn diese Situation zu lange anhält, kann es in Verbindung mit den körperlichen und psychischen Symptomen zusätzlich zur Überforderung und zu Gefühlen von Hilflosigkeit und Isolation kommen.
Arbeit mit Stress in Therapie und Coaching
Bei akutem oder chronischem Stress ist der innere Spielraum eines Klienten manchmal klein. Die hohe sympathische Aktivierung sorgt für Scheuklappen und der Organismus befindet sich tendenziell in einem alarmierten Zustand. Manchmal ist es dann sinnvoll, sich erstmal auf die Themen im Außen zu konzentrieren (die Wolken über dem Resilienzfass) und im Sortieren und entwickeln von Möglichkeiten eine Zusammenarbeit zu begründen und eine Vertrauensbasis zu schaffen. Unterhalb der Lösungsorientierung ist die Haltung der Begleiterin relevant, nämlich eine von „Du bist grundsätzlich okay, es hat gute Gründe, weshalb Dein Organismus so reagiert und ich bin an deiner Seite. Ich traue es dir und unserer Zusammenarbeit zu, dass eine Besserung eintreten wird.“ Diese Haltung gibt, selbst wenn sie nicht ausgesprochen wird, dem Klienten ein Gefühl von Sicherheit.
Für den Organismus des Klienten ist es hilfreich, an seiner Regulationsfähigkeit zu arbeiten. Da können erstmal Atem- und Entspannungsübungen helfen. Eine sehr konkrete Anleitung, die wenig zusätzliche Ressourcen erfordert, denn die sind ja knapp. Ressourcen sind der nächste Ansatzpunkt, indem wir die vorhandenen bewusst machen und würdigen und weitere aktivieren.
Dann kann der Regulierungsprozess selbst in den Fokus rücken. Wir können den Klienten dabei unterstützen, die Meldung aus seiner Haushaltsbuchführung neutraler wahrzunehmen, um den Spalt zwischen Stimmung und der nächsten Bewertung in den Fokus zu holen. Wenn jemand lernt, seinen Zustand feiner wahrzunehmen und merkt, dass die eigene Interpretation einen großen Einfluss hat, steigt die Selbstwirksamkeit enorm. Gefühle nicht als gegeben und unvermeidlich zu betrachten, sondern als eine subjektive Interpretation der eigenen organismischen Reaktion auf eine Situation, eröffnet dort einen fruchtbaren Spielraum. Entscheidend sind hierbei die Präsenz und die Resonanz der Begleiterin. Wir Menschen lernen Regulation als Kinder mit unseren Bezugspersonen. Ein Säugling kann sich noch nicht selbst regulieren, er braucht dafür den Organismus eines zugewandten Erwachsenen. Auch die Bewertung von Situationen übernehmen wir unbewusst von unseren Eltern. Um diese tiefen Verknüpfungen in’s Bewusstsein zu holen und veränderbar zu machen, braucht es erneut ein Gegenüber, das wohlwollend mitgeht, spiegelt, würdigt und dabei hilft, Variationen auszuprobieren.
Therapeutisch können wir erforschen, welche unserer Muster zu diesen Bewertungen beitragen. Vielleicht kann ein Verständnis dafür entstehen, wie diese Muster entstanden sind und eine Würdigung dessen, dass ihnen eine biografisch sinnvolle Anpassungsstrategie zugrunde liegt. Vielleicht braucht es ein Entladen von Emotionen aus alten, nicht geschlossenen Kontaktbögen. Und im hier und jetzt können wir ausprobieren, welche Bewertungen noch möglich wären und neue Strategien im Umgang mit Situationen entwickeln.
Eine weitere Fragestellung kann sein, wie der Klient dafür sorgen kann, dass sein Körperbudget möglichst satt gefüllt ist. Gute Gewohnheiten und Selbstfürsorge sind hier die Stichworte.
Oftmals handelt es sich um einen Prozess der Selbstaktualisierung. Mit den vorhandenen Selbstkonzepten und der gewohnten Lebensführung kam der Mensch in der aktuellen Situation an Grenzen und fühlte sich dazu veranlasst, Hilfe zu suchen. Das Ergebnis kann ein sehr angemessener Reifeprozess sein, der über die auslösende Situation hinaus positive Auswirkungen hat.
Besonderheiten bei CoreDynamik
Während der umfangreichen Selbsterfahrung in den ersten beiden Jahren der Ausbildung haben Teilnehmende geübt, sich spüren zu können, Bewertungsspielräume ebenso wie Möglichkeiten der Selbstregulation erkennen und zu nutzen, und sie haben einen tiefen Einblick in ihre biografischen Muster und Erfahrungen genommen, die ihre Körperbuchhaltung als Grundlage für die Regulation nutzt. Auf diese Erfahrung können sie in der Begleitung zurückgreifen.
Die Selbsterfahrung des Coaches / Therapeuten und die daraus erwachsene Begleitungskompetenz für die Ebene von Regulation bietet den fruchtbaren Boden, auf dem die Fülle der uns bekannten Modelle, Medien und Methoden eingesetzt werden können. Angenommen, eine Klientin steht im Riemann-Thomann Modell an einer bestimmten Ecke steht und ihre Augen beginnen zu glänzen, dann kann ein Coach, der es sich zutraut mit Gefühlen umgehen zu können, spiegeln: Deine Augen glänzen, kann es sein, dass da grade eine Berührung entsteht? Dadurch bekommt die Arbeit mit dem Modelle eine andere Tiefe.
Hier weiter lesen:
Lisa Feldman Barrett, 2024: Siebeneinhalb Lektionen über das Gehirn. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag
Christian Schwegler, 2025: Strukturierte Kurzzeithypnotherapie. Eigenverlag
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Autorin dieses Artikels: Christina Hennig

